Was ist passiert?
Zwischen September 2020 und September 2024 exportierte die Robert Bosch GmbH über zwei ihrer nicht-US-amerikanischen Tochtergesellschaften im Ausland gefertigte MEMS-Sensoren und Software im Wert von über 70 Millionen US-Dollar an Huawei — ein Unternehmen, das auf der US-Entity List steht. Für solche Lieferungen wäre eine Genehmigung der US-Exportkontrollbehörde BIS nötig gewesen. Diese lag nicht vor.Warum die USA überhaupt zuständig waren — die Foreign Direct Product Rule
Die entscheidende Frage: Wieso kann Washington eine deutsche Firma büssen, die im Ausland produziert und an einen chinesischen Kunden liefert? Die Antwort heisst Foreign Direct Product Rule (FDPR). Vereinfacht gesagt: Ein Produkt fällt auch dann unter die US-Exportkontrolle (die Export Administration Regulations, EAR), wenn es ausserhalb der USA hergestellt wurde — sofern es das direkte Ergebnis von US-Technologie oder US-Software ist oder mit Anlagen produziert wurde, die ihrerseits auf US-Technologie beruhen. Die Ware muss also gar nicht aus den USA stammen; es genügt der US-Technologie-Bezug in der Herstellung. Genau das war bei Bosch der Fall — und deshalb griffen die US-Regeln, obwohl kein Gramm der Ware physisch durch die USA lief.Die Strafe — und warum sie glimpflich ausfiel
Am 16./17. Juni 2026 lösten zwei US-Behörden den Fall parallel:- BIS (Handelsministerium): zivilrechtliche Busse von 36'184'680 US-Dollar.
- DOJ (Justizministerium, National Security Division): die erste «Declination» unter der neuen Corporate Enforcement Policy — also der Verzicht auf Strafverfolgung. Bosch gibt dafür 11'430'098 US-Dollar an erzielten Gewinnen heraus (Disgorgement); ein Teil davon wird an die BIS-Busse angerechnet.
Was das für Schweizer Unternehmen bedeutet
Der Fall ist kein rein deutsches Thema. Auch Schweizer Firmen arbeiten in ihrer Produktion mit US-Technologie, US-Software oder US-Anlagen. Sobald ein im Inland gefertigtes Gut über die FDPR unter die US-Regeln fällt und an einen gelisteten Empfänger (etwa auf der Entity List) geht, kann die US-Exportkontrolle greifen — unabhängig davon, dass die Ware nie physisch in die USA gelangt. Für die Praxis heisst das:- US-Technologie-Bezug kennen: Welche Produkte, Anlagen oder Software in Ihrer Fertigung haben einen US-Ursprung, der die FDPR auslösen könnte?
- Empfänger screenen: Abgleich der Kunden mit der US-Entity List und weiteren Sanktionslisten.
- Klassifizierung und Genehmigungen: Prüfen, ob vor einer Lieferung eine BIS-Lizenz nötig ist.
- Compliance-Programm und Selbstanzeige: Ein sauberes internes Kontrollsystem — und im Ernstfall die Option der freiwilligen Selbstanzeige — kann im Schadenfall den Unterschied machen.
Zwei Grossmächte, dasselbe Prinzip: Exportkontrolle ohne Grenzen
Der Fall Bosch ist das US-Spiegelbild zu einer Entwicklung, die wir gerade bei China beschrieben haben. Beide Grossmächte dehnen ihre Exportkontrolle bewusst über die eigenen Grenzen aus: die USA über die Foreign Direct Product Rule (US-Technologie-Bezug), China über Artikel 49 seiner Dual-Use-Verordnung (China-Ursprung). Für Unternehmen mit globalen Lieferketten heisst das: Man kann gleichzeitig in zwei extraterritoriale Kontrollsysteme geraten — und muss beide im Blick behalten.Fazit
Nicht die Herkunft der Ware entscheidet, sondern der Technologie- und Empfängerbezug. Wer mit US-Technologie fertigt und international liefert, sollte Ursprung der Technologie, Kundenprüfung und Genehmigungsfragen sauber aufsetzen — bevor eine Behörde nachfragt. Einen vollständigen Überblick über Exportkontrolle, Sanktionen und Dual-Use in der Schweiz bietet unser Wissens-Hub Exportkontrolle; vertieftes Wissen vermittelt unser Inhouse-Seminar zu Exportkontrolle, Sanktionen und Embargos; bei konkreten Fragen zu Ihrer Lieferkette unterstützt Sie Douana®.Quellen: US Bureau of Industry and Security (BIS), Pressemitteilung und Final Order vom 16./17. Juni 2026 (bis.gov); US Department of Justice, National Security Division, Pressemitteilung zur ersten Declination unter der Corporate Enforcement Policy vom 17. Juni 2026 (justice.gov); US Export Administration Regulations (EAR) / Foreign Direct Product Rule. Stand: 26. Juli 2026.
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