Executive Summary: US-Zollpolitik nach Supreme-Court-Urteil

Was aktuell gilt

ThemaStand
IEEPA-Zöllerechtlich aufgehoben
Schweizer SonderregelungDeckelung auf 15 %
Section 122+10 % Importzuschlag
Befristung Section 122max. 150 Tage
Section 232unverändert gültig
AD/CVDunverändert

Der Wegfall der früheren Tarifbasis bedeutet nicht automatisch niedrigere Importkosten.

Was derzeit unklar ist

Offene FrageBedeutung
Automatische Refundsbisher nicht angeordnet
CBP-Systemumsetzungläuft noch
Kläger vs. allg. Rückzahlungengerichtlich offen
Erhöhung Section 122 auf 15 %politisch möglich
Dauer der ÜbergangsphaseMonate wahrscheinlich
Neue Section-232-Untersuchungenjederzeit möglich

Übergangsphasen erzeugen erfahrungsgemäss unterschiedliche Zollabrechnungen.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

HandlungZiel
Kapitel-99-Codes prüfenFehlanwendung erkennen
Refund-Potenzial analysierenAnsprüche sichern
Protestfristen überwachenVerlust vermeiden
Brokerabrechnungen vergleichenFehler erkennen
Lieferverträge prüfenKostenrisiken klären
Politische Lage beobachtenÄnderungen früh erkennen

Die operative Zollabwicklung entscheidet derzeit stärker über Kosten als politische Ankündigungen.


US-Zollpolitik nach Supreme-Court-Urteil: Section 122, Übergangsrecht und praktische Konsequenzen für Schweizer Exporteure

Die amerikanische Handelspolitik befindet sich nach dem Urteil des US Supreme Court zu den sogenannten reziproken Strafzöllen in einer Phase erheblicher rechtlicher und operativer Veränderungen. Mehrere gesetzliche Instrumente greifen derzeit gleichzeitig oder werden neu aktiviert.

Für Schweizer Exporteure entsteht daraus keine sofortige Entlastung, sondern eine komplexe Übergangssituation mit parallelen Zollregimen, offenen Rückerstattungsfragen sowie neuen temporären Importzuschlägen.

1. Ausgangslage: Reziproke Zusatzzölle bis zu 39 Prozent

Im Rahmen der amerikanischen Zollpolitik wurden zusätzliche Importzölle gegen zahlreiche Handelspartner eingeführt. Für Waren mit Ursprung Schweiz konnte dieser Zusatzsatz zeitweise bis zu 39 Prozent betragen. Die Massnahmen stützten sich auf Notstandsbefugnisse nach dem International Emergency Economic Powers Act (IEEPA).

Gerichtsentscheid Der Supreme Court beurteilte diese Rechtsgrundlage als unzulässig. Das Gericht stellte fest, dass Notstandsgesetze keine ausreichende gesetzliche Delegation zur Einführung globaler Importzölle darstellen. Hintergründe dazu: US Supreme Court stoppt globale Strafzölle und Rechtlicher Handlungsspielraum der USA bei Strafzöllen.

2. Schweizer Sonderregelung: Deckelung auf 15 Prozent

Noch vor dem Gerichtsurteil kam es im Rahmen bilateraler Gespräche zwischen der Schweiz und den USA zu einer Anpassung. Die Zusatzbelastung wurde auf maximal 15 Prozent begrenzt.

Datum / EreignisInhalt
14. November 2025Rückwirkende Anwendung der 15 %-Deckelung
18. Dezember 2025Operative Umsetzung durch CBP
LaufendFinalisierung der politischen Rahmenvereinbarung
Technische Umsetzung Die Deckelung erfolgte über konkrete Kapitel-99-Positionen im US-Zolltarif. Für die operative Zollabfertigung war dies der massgebliche Anknüpfungspunkt. Grundlegende Begriffe werden erklärt in: Was sind Strafzölle, reziproke Zölle, MFN und Sekundärzölle?

3. Rückerstattungen und offene Übergangsfragen

Die rückwirkende Anpassung führte nicht zu automatischen Rückzahlungen. Importeure mussten aktiv werden – insbesondere über nachträgliche Korrekturen, Protestverfahren und Refund-Anträge.

Mit dem späteren Supreme-Court-Urteil entsteht zusätzlich eine neue rechtliche Ebene. Das Gericht stellte die fehlende Rechtsmässigkeit der IEEPA-Zollbasis fest, womit grundsätzlich die gesetzliche Grundlage der früheren Zusatzmassnahmen entfällt.

Offene Punkte in der Praxis
  • Ab welchem Zeitpunkt CBP sämtliche Systeme vollständig angepasst hat
  • Wie laufende Einfuhren behandelt werden
  • Ob weiterhin individuelle Rechtsmittel erforderlich sind

Das Urteil führt nicht automatisch zu pauschalen Rückerstattungen. Zur praktischen Vorgehensweise bei Rückforderungen: Rückforderung von US-Strafzöllen.

4. Neue Massnahme: Section-122-Importzuschlag

Als unmittelbare Reaktion nutzt die amerikanische Regierung aktuell Section 122 des Trade Act von 1974. Dieses Gesetz erlaubt temporäre Importmassnahmen bei erheblichen Zahlungsbilanz- oder Währungsproblemen.

MerkmalInhalt
Aktueller Zuschlag10 Prozent (global)
Umsetzungneue Kapitel-99-Positionen
Verhältnis zum MFN-Zollzusätzlich zum regulären Zollsatz
Maximale Laufzeit ohne Kongress150 Tage
Mögliche Erhöhungbis 15 % politisch diskutiert
Befristung Section 122 ist ausdrücklich als kurzfristiges Kriseninstrument ausgestaltet. Ohne Zustimmung des Kongresses darf die Massnahme maximal 150 Tage gelten. Danach muss entweder eine Verlängerung beschlossen oder eine andere gesetzliche Grundlage genutzt werden.

5. Ausnahmen vom Section-122-Zuschlag

Nicht alle Produkte unterliegen automatisch dem Zuschlag. Zu den derzeit vorgesehenen Ausnahmen gehören unter anderem:

Produktkategorie
Zivile Luftfahrzeuge
Luftfahrtkomponenten
Ausgewählte Stahl- und Aluminiumderivate
Personenfahrzeuge
Bestimmte Halbleiterprodukte
Waren im finalen Transport („in transit")

6. Section 232 bleibt unverändert bestehen

Zölle nach Section 232 des Trade Expansion Act bleiben vollständig bestehen. Sie betreffen insbesondere Stahl, Aluminium und derivative Produkte. Diese Massnahmen können weiterhin parallel zu Section 122 erhoben werden.

7. Übersicht: Gesetzliche Instrumente im Vergleich

InstrumentZweckSpielraum
IEEPASanktionen / Notstandkeine globalen Zölle mehr
Section 122Zahlungsbilanzmassnahmenschnell, max. 150 Tage
Section 232nationale Sicherheitlangfristig möglich
Section 301unfaire Handelspraktikengezielte Strafzölle
Section 201Industrieschutzzeitlich begrenzt
AD/CVDDumping / Subventionproduktspezifisch

8. Zoll-Stacking: aktueller Praxisstand

InstrumentAnwendungKlarheit
MFN-ZollBasisklar
Schweiz-Deckel 15 %umgesetztweitgehend klar
IEEPAaufgehobenÜbergang offen
Section 122+10 %Details offen
Mögliche 15 %diskutiertoffen
Section 232unverändertklar
AD/CVDunverändertklar

Ergänzung: Übergangsphase, Section 122 als Übergangslösung und offene Refund-Fragen

Section 122 als strategische Übergangslösung

Parallel zur gerichtlichen Aufhebung der IEEPA-Zölle nutzt die amerikanische Regierung Section 122 als neue gesetzliche Grundlage für einen temporären Importzuschlag. Neben der unmittelbaren handelspolitischen Wirkung besitzt diese Massnahme auch eine rechtliche Dimension im Zusammenhang mit möglichen Rückerstattungsforderungen.

Da der Supreme Court keine automatische Rückzahlung angeordnet hat, entstehen derzeit umfangreiche Verfahren vor dem US Court of International Trade zur Klärung individueller Refund-Ansprüche. Durch die Einführung eines neuen, formal eigenständigen Zollinstruments kann die Regierung gleichzeitig weiterhin Einnahmen generieren, während die Gerichte über vergangene Forderungen entscheiden.

Parallele Belastung Mögliche Rückforderungen aus der IEEPA-Phase und neue Belastungen nach Section 122 können zeitlich gleichzeitig auftreten. Die Massnahme wirkt faktisch als Übergangsregelung, bis gerichtliche Entscheidungen oder politische Lösungen zur Refund-Frage vorliegen. Strategische Einblicke dazu: Costco vs. US-Regierung – wie Importeure Zollrückerstattungen strategisch sichern.

Erwartete Zeitleiste (Praxisrealität)

Die kommenden Monate werden voraussichtlich durch mehrere parallele Entwicklungen geprägt sein.

ZeitraumErwartete EntwicklungBedeutung für Unternehmen
Februar – März 2026Operative Umsetzung des Supreme-Court-Urteils durch CBPUnterschiedliche Zollabrechnungen möglich
März – April 2026Erste Entscheidungen des Court of International Trade zu EinzelfällenErste Refund-Präzedenzfälle möglich
Frühjahr 2026Mögliche Anpassung Section 122 (z.B. Erhöhung auf 15 %)Kurzfristige Kostenänderungen
Bis Sommer 2026Ablauf der 150-Tage-Frist Section 122Politische Anschlusslösung nötig
2. Jahreshälfte 2026Mögliche Sammelentscheidungen zu RefundsGrössere Rückerstattungen möglich
Hinweis Diese Zeiträume stellen Erfahrungswerte aus vergleichbaren Handelsverfahren dar und können sich politisch oder gerichtlich verschieben.

Rückerstattungen nach dem Supreme-Court-Urteil – wer erhält Geld zurück?

Das Urteil stellt fest, dass die IEEPA-Zölle rechtlich nicht zulässig waren. Es entscheidet jedoch ausdrücklich nicht über Rückerstattungen. Die Klärung erfolgt nun durch spezialisierte Handelsgerichte.

FrageAktueller Stand
Automatische Rückzahlungnicht angeordnet
Administratives Refund-Programmnicht angekündigt
Kläger mit laufenden Verfahrengute Erfolgsaussichten
Einfuhren ohne ProtestAnspruch unklar
Dauer der VerfahrenMonate bis Jahre

Nach bisheriger Praxis im US-Zollrecht profitieren häufig zunächst jene Importeure, die aktiv geklagt oder fristgerecht Proteste eingereicht haben. Importeure sollten deshalb prüfen, ob frühere Einfuhren noch innerhalb gesetzlicher Fristen angefochten werden können. Die praktische Vorgehensweise ist beschrieben unter: Rückforderung von US-Strafzöllen.

Warum die Refund-Frage für Schweizer Exporteure strategisch besonders wichtig ist

Für viele Schweizer Unternehmen kann die Refund-Thematik finanziell bedeutender sein als der aktuelle Section-122-Zuschlag. Während Section 122 zeitlich begrenzt ist, betreffen mögliche Rückforderungen mehrere Monate oder Jahre vergangener Einfuhren. Gerade bei Investitionsgütern oder hochwertigen Industrieprodukten können selbst wenige Prozentpunkte erhebliche Summen darstellen.

Wirtschaftliche Belastung – wer trägt die Kosten? Häufig stellt sich die Frage, wer wirtschaftlich belastet wurde: der US-Importeur, der Schweizer Exporteur oder der Endkunde. Dies kann Auswirkungen auf Preisnachverhandlungen, Bonusregelungen oder laufende Lieferverträge haben.

Praxisrealität der nächsten 60 Tage

Aus Erfahrung früherer Handelsmassnahmen ist mit folgenden Entwicklungen zu rechnen:

#EntwicklungKonsequenz
1CBP vollzieht operative Umsetzung schrittweiseUnterschiedliche Abrechnungen je nach Hafen oder Broker möglich
2Refund- und Protestverfahren werden empfohlenAutomatische Rückzahlungen unwahrscheinlich
3Section 122 als ÜbergangsinstrumentParallel neue Untersuchungen nach Section 232 / 301 wahrscheinlich
4Politische Anpassungen kurzfristig möglichErhöhung des Zuschlags oder neue sektorale Massnahmen

Praxis-Checkliste für Schweizer Exporteure

Handlungsempfehlungen
  • Kapitel-99-Codes jeder Sendung prüfen
  • Brokerabrechnungen vergleichen und Übergangsfehler erkennen
  • Refund-Potenzial aus der IEEPA-Phase analysieren
  • Protestfristen überwachen und Anspruchsverlust vermeiden
  • Section-122-Ausnahmen je Produktkategorie prüfen
  • Section-232-Risiken je Produkt analysieren
  • Lieferverträge auf Zollklauseln überprüfen
  • Politische Entwicklungen regelmässig beobachten

Fazit

Das Supreme-Court-Urteil beendet die rechtliche Grundlage der ursprünglichen IEEPA-Zölle, löst jedoch keine sofortige operative Vereinfachung aus. Mit Section 122 entsteht gleichzeitig ein neuer, befristeter Importzuschlag, während andere handelspolitische Instrumente vollständig bestehen bleiben.

Für Schweizer Exporteure bleibt deshalb entscheidend, jede einzelne Einfuhr sorgfältig zu prüfen, mögliche Rückforderungsrechte aktiv wahrzunehmen und die Übergangsphase als strategische Chance zur Kostenoptimierung zu nutzen.