"FOB“ richtig verstehen: Incoterms® vs. American Foreign Trade Definitions – und was beim US-Zollwert wirklich zählt

AFTD/RAFTD: Die Revised American Foreign Trade Definitions (1941) sind US-Handelsklauseln. Zweck: US-spezifische Definitionen von Lieferklauseln (u. a. FOB-Varianten), entwickelt 1941.

  • „FOB“ in US-Behördenlogik: US-Statistik/Preisindizes benutzen „f.o.b. foreign port“ als Bewertungsbasis (Warenwert am ausländischen Exporthafen ohne internationale Fracht/Versicherung) – das ist keine Incoterms-Klausel. 

  • Zollwert USA: Rechtlich maßgeblich ist Transaction Value nach 19 U.S.C. § 1401a (Section 402 Tariff Act). Der Zollwert ist der tatsächlich gezahlte/zu zahlende Preis, zuzüglich bestimmter Zuschläge (Packing, Selling Commission, Assists, Lizenzen, Beteiligung am Weiterverkauf) und ohne internationale Fracht/Versicherung u. a. Nachweise erforderlich. 

  • Praxis: Wenn bei US-Importen „FOB“ als Wertbasis auftaucht, ist regelmäßig der statistische FOB-Ausfuhrhafen-Wert gemeint (wertmäßig ≈ „bis Bord/Exporthafen, ohne Seefracht & Versicherung“). Für Zollabgaben gilt dennoch immer die Bewertung nach 19 U.S.C. § 1401a, nicht die gewählte Lieferklausel.

  • „FOB“ nach Incoterms® (ICC) ist eine Lieferklausel nur für See/Binnensee: Gefahr- und Kostenübergang an Bord im Abgangshafen.

  • „FOB“ im US-Kontext ist häufig keine Incoterms-Klausel, sondern eine Bewertungsbasis für Statistik/Zoll: Wert am ausländischen Verschiffungshafen inkl. Kosten bis zur Verladung, exkl. internationaler Fracht & Versicherung. Das entspricht dem Customs Value (dutiable value) am foreign port of export. 

  • Rechtsbasis für die Zollwertermittlung in den USA ist 19 U.S.C. § 1401a (Transaction Value). Internationale Fracht/Versicherung werden ausgeschlossen. 

Woher kommt die Verwechslungsgefahr?

Im Tagesgeschäft liest man in US-Dokumenten, Berichten oder Datenbanken immer wieder „FOB“ – oft ohne den Zusatz „Incoterms®“. Das führt zur Vermischung von:

  1. Incoterms®-FOB (ICC-Lieferklausel),

  2. US-Bewertungs-/Statistik-FOB (Wertbasis am ausländischen Hafen),

  3. FOB nach UCC Art. 2 (US-Binnenrecht für Kaufrecht/Delivery Terms, z. B. „FOB place of shipment/destination“). 

 Wenn US-Behörden von FOB im Bewertungs-/Statistikkontext sprechen, meinen sie keine Incoterms®-Klausel, sondern einen Wert am foreign port of export. 

Was sind die AFTD (American Foreign Trade Definitions)?

Die Revised American Foreign Trade Definitions (AFTD/RAFTD 1941) wurden von US-Wirtschaftsverbänden veröffentlicht (u. a. National Foreign Trade Council, Chamber of Commerce) und prägten jahrzehntelang die US-Handelssprache – Begriffe wie FOB Vessel, FAS Vessel, Ex Dock etc. Sie sind kein Gesetz, konnten aber vertraglich vereinbart werden. 

Wichtiger Kontext: Die AFTD haben als solche keinen Rechtsrang, außer sie werden vertraglich akzeptiert oder durch Gerichte/Normen übernommen. Heute gelten sie als historisch; für internationale Verträge setzt sich die Nutzung der Incoterms®durch. Dennoch wirkt die US-„FOB“-Denke in Statistik und Zollbewertung fort. 

„FOB“ nach Incoterms® (ICC)

  • Geltungsbereich: See-/Binnenschiff.

  • Liefer-/Gefahrenübergang: Sobald die Ware an Bord im Verschiffungshafen ist.

  • Zollwert-Implikation (USA): Für US-Importe zählt bei einem Kauf auf Incoterms-FOB grundsätzlich der Wert bis an Bordohne internationale Seefracht & Versicherung. (Die Fracht/Versicherung nach dem Laden gehört nicht in den US-Customs Value.) 

„FOB“ im US-Sinne: Bewertungsbasis am ausländischen Hafen

U.S. Census & Statistik

Das U.S. Census Bureau definiert den Customs Value von Importen als Wert am foreign port of export, inkl.Binnenfracht im Exportland bis zum Hafen, exkl. internationaler Fracht/Versicherung bis in die USA. Das ist funktional FOB-foreign-port. 

Auch andere US-Datenreihen (z. B. BLS-Importpreisindizes) arbeiten überwiegend mit FOB foreign port als Preisbasis. 

CBP & Zollbewertung (Appraisement)

CBP bewertet Importware vorrangig nach Transaction Value (19 U.S.C. § 1401a): dem tatsächlich gezahlten/zahlbaren Preis, zuzüglich bestimmter gesetzlicher Zuschläge (Packkosten, Selling Commission, Assists, Royalties/Proceeds). Internationale Fracht & Versicherung (C.I.F.) sind ausdrücklich ausgeschlossen. Ergebnis: Ein dutiable value, der FOB-foreign-port entspricht. 

Welche Kosten gehören in den US-Zollwert (FOB-Basis) – und welche nicht?

Enthalten (typisch)

  • Warenpreis bis zum ausländischen Verladehafen (inkl. Binnenfracht im Exportland, Verladekosten, Exportdokumente).

  • Gesetzliche Zuschläge nach 19 U.S.C. § 1401a:

    (A) Packing/Verpackung, (B) Selling commission (käuferseitig), (C) Assists/Beistellungen, (D)Royalty/Lizenz, (E) Proceeds aus Weiterverkäufen, soweit Bedingung des Verkaufs. 

Beispiel aus CBP-Praxis: Foreign inland freight (Inlandsfracht bis zum Hafen) gehört typischerweise hinein; diverse Terminal-/Dokufees können je nach Konstellation außer Ansatz bleiben, während CIF-Bestandteile generell auszunehmen sind. (Praxis- und Rulingslage) 

Nicht enthalten (typisch)

  • Internationale Seefracht/Luftfracht ab Exporthafen bis USA.

  • Transportversicherung für diesen Abschnitt.

  • US-Binnenfracht hinter dem Eingangshafen.

    Diese CIF-Bestandteile werden abgezogen, wenn sie im Rechnungspreis stecken.

     

Rechnungs-/Nachweispflichten

Die Commercial Invoice muss Einzelangaben zu Fracht/Versicherung/Kommission/Verpackung enthalten oder als Anhang liefern. So kann CBP die Abzüge (CIF-Posten) und Zuschläge (z. B. Royalties, Assists) nachvollziehen. 

Praxisbeispiel: Vom Rechnungswert zum US-Zollwert (Dutiable Value)

Ausgangsdaten (Verkauf CIF Los Angeles):

  • Warenpreis (ab Werk) ……………………………………… USD 9 000

  • Auslands-Binnenfracht zum Hafen ……………… USD    300

  • Origin-THC/Verladung ………………………………… USD    150

  • Seefracht (Exporthafen → USA) …………………… USD 1 100

  • Transportversicherung ………………………………… USD    100

  • Royalty (Bedingung des Verkaufs) ……………… 5 % vom Ex-Works (= USD 450)

 

Schritte:

  1. Transaction Value = Preis gezahlt/zahlbar inklusive aller dutiable Bestandteile bis zum Exporthafen:

    9 000 (EXW) + 300 (Inlandsfracht) + 150 (Origin-Handling) = 9 450.

  2. Addieren gesetzlicher Zuschläge, z. B. Royalty (wenn Bedingung des Verkaufs): + 4509 900.

  3. Abziehen CIF-Bestandteile (Seefracht + Versicherung) aus dem Rechnungsbetrag — nicht dutiable: – 1 200 (1 100 + 100).

  4. US-Zollwert (dutiable/FOB foreign port) = USD 9 900.

 

Begründung: Internationale Fracht & Versicherung bleiben außer Ansatz (CIF-Abzug). Inlandsfracht/Origin-Handling im Exportland zählen hinein. Royalty ist zuzuschlagen, wenn sie Bedingung des Verkaufs ist. 

Häufige Missverständnisse & Do’s/Don’ts

Missverständnis 1: „FOB = Incoterms®“

→ In US-Statistik/Zoll ist „FOB“ ein Wertbegriff, kein Hinweis auf eine vertragliche ICC-Klausel. Klartext in Dokumenten: „FOB (foreign port of export) – valuation basis“ vs. „FOB (Incoterms® 2020)“. 

Missverständnis 2: „CIF-Rechnung = CIF-Zollwert“

Falsch. CBP zieht Seefracht/Versicherung ab, um auf FOB-foreign-port zu kommen. Belege beifügen! 

Missverständnis 3: „AFTD gelten wie Gesetz“

Nein. AFTD sind keine Rechtsnorm; sie waren (und sind) vertraglich nutzbar, historisch prägend. 

 

Do:

  • Rechnungen aufgliedern (Fracht/Versicherung separat) oder Beiblatt beifügen – 19 CFR § 141.86.

  • Zuschläge (Packing, Selling Commission, Assists, Royalties, Proceeds) prüfen und dokumentieren. 

Don’t:

  • CIF-Kosten ohne Nachweis abziehen wollen.

  • „FOB“ pauschal als Incoterms® lesen, wenn US-Daten/Behörden gemeint sind. 

Vergleichskasten: Warum „zieht“ die EU die Fracht ein?

  • EU-Zollwert (UZK) basiert ebenfalls auf Transaktionswert, inkl. **Transport/Versicherung bis zum Ort des ersten Eintritts in die EU. Praktisch nahe am CIF-Grenzwert. 

  • USA hingegen orientieren sich am FOB-foreign-port (ohne internationale Fracht/Versicherung). 

Kurz: EU zählt den Transport bis zur EU-Grenze mit, USA ziehen ihn ab. 

Dokumente & Nachweise, die CBP erwartet

  • Commercial Invoice mit Einzelangaben/Beiblatt zu Fracht, Versicherung, Kommissionen, Verpackung (19 CFR § 141.86). 

  • Fracht-/Versicherungsbelege (Carrier/Forwarder Invoice, Policy/Premium Note) – maßgeblich sind tatsächlich gezahlte Beträge (für zulässige Abzüge). 

  • Vertragsunterlagen zu Royalties/Assists (falls dutiable). CBP Informed Compliance/Value Encyclopedialiefern Auslegungshilfen. 

Drei „FOB“ auf einen Blick (Kurzüberblick)

Kontext

Was bedeutet „FOB“?

Wofür genutzt?

Incoterms® (ICC)

Lieferung an Bord im Abgangshafen (nur See/Binnensee)

Vertragsklausel / Gefahr- & Kostenübergang

US-Statistik/Zoll (Census/CBP)

Wert am foreign port of export, inkl. Inland bis Hafen, exkl. CIF

Customs Value (dutiable value), Statistikbasis

UCC Art. 2 (US-Binnenrecht)

Delivery term „FOB place of shipment/destination“

Binnenkäufe/US-Rechtssprache

 

Grundlogik (Transaction Value)

  1. Rechnungsbetrag (price actually paid or payable)

  2. + ggf. Zuschläge (Packing, Assists, Royalties, Selling Commissions, Erlösbeteiligung)

  3.  Internationale Fracht/Versicherung (Ausfuhrland → US-Eingang) wenn im Preis enthalten, aber als solche identifizierbar

  4. US-Binnenfracht und US-Abgaben (Zoll/Steuern) wenn im Preis enthalten und separat identifizierbar

Ergebnis: Zollwert nach 19 U.S.C. § 1401a. 

Typfälle nach Incoterms® (Beispiele)

  • EXW: Inlandskosten bis Ausfuhrhafen i. d. R. nicht im Preis → kein Abzug für internationale Fracht (nicht enthalten).

  • FCA/FOB: Inlandskosten bis Übergabepunkt i. d. R. enthalten → voll dutiable; kein Abzug.

  • CFR/CIF: Int’l Fracht/Versicherung enthaltenabzugsfähig, wenn getrennt belegbar (Fracht-/Policenachweis). 

  • DAP/DDP: US-Binnenfracht und US-Zölle/Steuern im Preis → abzugsfähig, wenn separat auswiesen/belegbar.

 

FAQ

Gilt AFTD heute noch?

Ja – rechtlich nur, wenn vertraglich vereinbart. In der Praxis dominieren bei uns die Incoterms®; die FOB-Bewertungsbasis und die AFTD sind aber in den USA noch sehr präsent, sie leben insbesondere in US-Statistik/Zoll fort. 

Muss ich auf der Rechnung „FOB (Incoterms® 2020)“ schreiben?

Ja, wenn ihr Incoterms® vertraglich nutzt, klar kennzeichnen („FOB [Port] – Incoterms® 2020“). Für den Zollwert addiert/abzieht man dann gemäss US-Regeln. 

Warum zeigt Census auch „CIF-Werte“?

Neben dem Customs Value (FOB-ähnlich) veröffentlicht Census CIF-Importwerte (= Customs Value plus Import Charges), v. a. für Vergleichszwecke. 

Rechtliche Anker

  • 19 U.S.C. § 1401a – Transaction Value (Additionen/Methoden). 

  • 19 CFR Part 152 / § 152.103 – Umsetzung, CIF-Ausschluss in Beispielen. 

  • 19 CFR § 141.86Rechnungsinhalte & Aufschlüsselung von Fracht/Versicherung. 

  • U.S. Census – International Trade Definitions: Customs Value = foreign port of export (inkl. Inlandfracht), Import Charges/CIF definiert. 

  • AFTD (1941) – Historische US-Definitionen (NFTC/CoC). 

  • BLS Import Price Index FAQ – Preisbasis meist FOB foreign port. 

Praxis-Checkliste 

  • Wording klarziehen: „FOB (Incoterms® 2020)“ vs. „FOB foreign port (US-valuation basis)“.

  • Invoice aufgliedern: Fracht/Versicherung separat ausweisen oder Beiblatt (19 CFR § 141.86). 

  • Belege parat: Carrier/Forwarder-Invoice, Insurance-Debits, Zahlungsnachweise.

  • Zuschläge prüfen: Packing, Selling Commission, Assists, Royalties/Proceeds (19 U.S.C. § 1401a). 

  • CIF abziehen: Internationale Fracht/Versicherung nicht dutiable (Beispielsfall 19 CFR § 152.103). 

  • EU-Fälle anders: Für EU-Einfuhr werden Transport/Versicherung bis EU-Grenze eingerechnet.

  • Vertrag ≠ Zollwert: Incoterms helfen bei der Belegstruktur, definieren aber nicht den Zollwert.

  • Belege sichern: Frachtraten/Versicherung separat ausweisen (Carrier-Invoice, Police). 

  • Zuschläge früh klären: Assists, Lizenzgebühren, Selling Commissions identifizieren und dokumentieren. 

  • DDP/DAP-Fallen: US-Binnenfracht/Zölle aus dem Preis herausrechnen, belegbar machen. 

  • Statistikbegriffe nicht verwechseln: „FOB foreign port“ ≠ Incoterms-FOB; für Duties zählt 19 U.S.C. § 1401a

  • Weiterführende Artikel von Douana:

Schlusswort

„FOB“ ist im US-Zollkontext eine Bewertungsbasis, nicht automatisch eine Incoterms®-Klausel. Wer das sauber trennt, deklariert den US-Zollwert korrekt – ohne internationale Fracht/Versicherung, mit allen Kosten bis zur Verladung im Auslandshafen sowie den gesetzlich geforderten Zuschlägen.

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