Die Schweizer Industrie kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Während die US-Zölle noch nachwirken, droht nun ein neues Problem aus Europa: Italiens reformiertes Finanzgesetz benachteiligt Schweizer Maschinen massiv. Betroffen sind Tausende Arbeitsplätze und ein bedeutender Exportmarkt. Die Zeit zum Handeln wird knapp.
Nach den US-Zöllen folgt die nächste Herausforderung: Melonis Finanzgesetz könnte Schweizer Industrieunternehmen bis zu 1 Milliarde Franken kosten
Schweizer Maschinenexport in Gefahr: Italiens neue Steuerregeln bedrohen Milliardenumsätze
 

Schweizer Maschinenexport in Gefahr: Italiens neue Steuerregeln bedrohen Milliardenumsätze

Das neue italienische Gesetz

Anfang Januar 2026 erreichten erste Meldungen aus Rom die Schweizer Wirtschaftsverbände. Was zunächst unbemerkt blieb – von Bundesämtern, Wirtschaftsorganisationen und Unternehmen – offenbarte sich schnell als erhebliches Problem für Schweizer Exporteure. Italiens neue Finanzgesetzgebung unter Premierministerin Giorgia Meloni enthält eine Regelung, die gezielt europäische Investitionsgüter bevorzugt und Schweizer Produkte systematisch benachteiligt
Das Kernproblem liegt in den Abschreibungsregelungen. Italienische Firmen, die neue Maschinen erwerben, können diese mit einem Multiplikator von bis zu 2,8 abschreiben – allerdings nur, wenn die Maschinen aus der EU oder dem Europäischen Wirtschaftsraum stammen. Schweizer Maschinen hingegen bleiben auf die traditionelle 100-prozentige Abschreibung begrenzt.
Dieser Unterschied ist kein Fehler, sondern Absicht. Das Gesetz verkörpert Melonis Devise "Italy First" und soll gleichzeitig Konkurrenz aus China und den USA ausschliessen. Unbeabsichtigt – oder möglicherweise auch bewusst – trifft es aber auch die Schweiz massiv.
BeispielrechnungEine profitabel arbeitende italienische Firma, die eine Schweizer Maschine im Wert von etwa 500.000 Euro erwirbt, könnte bei voller Abschreibung mit dem Faktor 2,8 insgesamt 1,4 Millionen Euro abschreiben und sich damit über mehrere Jahre hinweg bis zu 216.000 Euro Steuern sparen. Mit dieser Rechnung im Hinterkopf entscheiden sich italienische Kaufleute rational gegen Schweizer Produkte.

Konkrete Schäden für Schweizer Industrieunternehmen

Die Auswirkungen sind bereits sichtbar und schmerzhaft. Kilian Hintermann, Geschäftsführer von Swiss Qprint aus dem St.Galler Rheintal, musste dies am eigenen Leib erfahren. Sein Unternehmen stellt grossformatige Digitaldrucksysteme her – hochwertige Maschinen, die auf dem italienischen Markt bislang gefragt waren. Doch drei konkrete Bestellungen wurden kurzerhand storniert, sobald die italienischen Kunden von der neuen Steuerregelung erfuhren. Für Swiss Qprint mit seinen 140 Mitarbeitenden in Kriessern droht ein Umsatzrückgang von etwa zehn Prozent. Noch dramatischer ist die Situation bei Grünig-Signtronic, einem Hersteller von Siebdruckanwendungen mit Produktionsstandorten in Rüti und Schwarzenburg. Für dieses Unternehmen ist Italien mit einem Umsatzanteil von bis zu 15 Prozent in den vergangenen Jahren zu einem "sehr wichtigen Markt" geworden. Firmenchef Andreas Ferndriger beschreibt die Lage mit nur einem Wort: "desaströs". Auch die Netstal-Gruppe, ein Hersteller von Spritzgiessmaschinen in Näfels mit etwa 400 Mitarbeitenden, verliert relevante Umsätze. Etwa fünf Prozent ihres Gesamtumsatzes hängen am italienischen Markt. Das Gesamtvolumen, das in Frage steht, addiert sich zu etwa einer Milliarde Schweizer Franken – rund fünf Prozent des jährlichen Maschinenexports von 20 Milliarden Franken.

Geopolitische Unsicherheit im Kontext globaler Handelskonflikte

Das italienische Finanzgesetz trifft die Schweizer Industrie in einem Moment extremer Verwundbarkeit. Zunächst waren da die US-Zölle unter Präsident Donald Trump, die seit August 2025 für Turbulenzen sorgen. Dazu gesellt sich die schwache Konjunktur in Europa. China erleidet unter einer hartnäckigen Immobilienkrise und schwacher Binnennachfrage. Hinzu kommt der strukturelle Nachteil des starken Schweizer Frankens.
Jean-Philippe Kohl von Swissmem warnt vor einem Präzedenzfall. Wenn Italien den Anfang macht, könnten andere europäische Länder folgen.

Diplomatische Anstrengungen und die Stahl-Frage als warnendes Beispiel

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) unter Bundespräsident Guy Parmelin erklärte sich "informiert" über die italienische Sonderabschreibungsregel. Seco-Sprecherin Françoise Tschanz bestätigte: "Investitionsgüter aus der Schweiz scheinen ausgeschlossen. Dies ist beunruhigend." Die Schweiz wolle sich aktiv für die Interessen ihrer Firmen einsetzen. Swissmem sind mit ihrem Anliegen sowohl beim Bund als auch beim italienischen Botschafter in Bern vorstellig geworden. Das Ziel ist klar: Die Schweiz soll analog zum Europäischen Wirtschaftsraum eine Ausnahmeregelung erhalten.

Die innenpolitische Dimension: Bilaterale III und Vertrauensdefizit

Innenpolitische RisikenÜber die rein wirtschaftlichen Schäden hinaus hat das italienische Gesetz eine innenpolitische Dimension. Die geplanten Bilateralen III zwischen der Schweiz und der EU stehen auf wackeligen Beinen. Jean-Philippe Kohl sieht diese Gefahr deutlich: "Das Vorhaben hat einen negativen Einfluss auf die Unterstützung für die Bilateralen III."

Breitere Kontext: Europäische Protektionismus und der Trend zu "Europe First"

Das italienische Gesetz ist Ausdruck eines grösseren europäischen Trends. Premierministerin Meloni verfolgt eine Politik, die "Italy First" und "Europe First\" miteinander verbindet. Europa als Ganzes befindet sich in einer defensiven Haltung.

Ausblick und notwendige Massnahmen für die Schweizer Industrie

Kurzfristig geht es darum, Italiens Finanzgesetz noch anzupassen, bevor es am 30. Januar 2026 in Kraft tritt. Mittelfristig müssen bilaterale Verhandlungen mit der EU vorangetrieben werden. Langfristig muss die Schweiz ihre Exportwirtschaft diversifizieren.
 
Krise als Wendepunkt für die Schweizer Industrie
Die Kombination aus amerikanischen Zöllen und italienischen Diskriminierungsmassnahmen offenbart die Fragilität der Schweizer Exportwirtschaft. Ohne entschiedenes diplomatisches Handeln und europäische Kooperation droht eine Spirale weiterer Benachteiligungen. Die Stunde der Wahrheit für die bilateralen Beziehungen ist gekommen.

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